Praisos: Auf den Spuren der „wahren Kreter“ im Osten Kretas

Praisos: Auf den Spuren der „wahren Kreter“ im Osten Kretas

Es gibt auf Kreta Orte, an denen man mit etwas Glück ganz allein steht – ohne Absperrung, ohne Kasse, ohne Reisebusse. Die antike Stadt Praisos im Osten der Insel ist so ein Ort. Wer hierher findet, tief in den Hügeln der Halbinsel von Sitia, entdeckt eine der spannendsten Geschichten Kretas: die der Eteokreter, der „wahren Kreter“.

Die Stadt der Ureinwohner

Eteos heißt auf Griechisch „echt, wahr“ – und genau so verstanden sich die Eteokreter: als die ursprüngliche, alteingesessene Bevölkerung der Insel. Schon Homer erwähnt sie in der Odyssee und nennt sie megaletores, die „Hochgemuten“. Als mit den Dorern um 1100 v. Chr. griechischsprachige Neuankömmlinge Kreta prägten, zogen sich diese alten Kreter in die schwer zugänglichen Berge des Ostens zurück. Ihr Zentrum wurde Praisos.

Das Faszinierende: Der Ort ist ein steinernes Geschichtsbuch Kretas. Schon in der Jungsteinzeit wurde in einer Höhle nahebei geopfert, darüber liegen Spuren aus minoischer und mykenischer Zeit – und erst auf diesem uralten Fundament wuchs die Stadt der Eteokreter, die im Hellenismus ihre Blüte erlebte. Dieselben Hügel also, von den Minoern bis zu ihren mutmaßlichen Nachfahren.

Ihre eigene Sprache haben die Eteokreter bis heute nicht preisgegeben: Man fand Inschriften, die zwar in griechischen Buchstaben geschrieben sind, deren Sprache aber niemand entschlüsseln kann. Ein echtes Rätsel der Wissenschaft – und bis heute ein Grund, warum Archäologen nach Praisos kommen.

Dabei war Praisos keineswegs ein verschlafenes Bergnest. Auf ihrem Höhepunkt kontrollierte die Stadt weite Teile der Halbinsel von Sitia, prägte rund 50 eigene Münztypen mit der Aufschrift „ΠΡΑΙΣΙΩΝ“ und schloss Verträge mit anderen Städten wie eine kleine Macht. Um die Kontrolle über das Heiligtum des Diktäischen Zeus lag sie im Dauerstreit mit ihren Nachbarn Itanos und Ierapytna. Aus einem Grab, dem „Grab des Athleten“, stammen sogar zwei panathenäische Preisamphoren – Siegestrophäen von den Spielen in Athen.

Was es zu sehen gibt

Praisos erstreckte sich über drei Hügel, umgeben von einer Stadtmauer, die an der Nordostseite des größten Hügels noch am besten erhalten ist. Auf einem der Hügel – bezeichnenderweise „Altarhügel“ genannt – legten Ausgräber einen Opferaltar aus dem 8. bis 7. Jahrhundert v. Chr. frei, dazu Waffen, Rüstungsteile und zahllose Weihegaben. Das schönste Fundstück ist ein Terrakotta-Löwe, Sinnbild der Muttergöttin Rhea, in deren Mythos die Insel den kleinen Zeus versteckte. Passend dazu zeigen die eigenen Münzen der Stadt den thronenden Zeus.

Zu sehen sind heute außerdem die Grundmauern eines großen hellenistischen Gebäudes – vermutlich ein Gäste- oder Gemeinschaftshaus –, Reste der Wohnhäuser an den Hängen und, am Rand der Stadt, vier kuppelförmige Kammergräber. In der Ferne liegt der antike Steinbruch, aus dem Praisos einst sein Baumaterial holte. Viel Fantasie gehört dazu, denn erhalten ist wenig – aber der Blick über die stille Hügellandschaft bis hinunter nach Sitia entschädigt für alles.

Praktisches für Deinen Besuch

Praisos liegt rund 10 Kilometer südlich von Sitia und nur etwa zwei Kilometer nördlich des Dorfes Nea Praisos (früher Vaveli). Das Gelände ist frei zugänglich – kein Eintritt, keine festen Öffnungszeiten, aber auch kaum Beschilderung. Nimm also festes Schuhwerk und ausreichend Wasser mit; erkundet wird zu Fuß über schmale Pfade. Wer mag, verbindet den Besuch mit der Geo Route 22 des Sitia-Geoparks, der zum weltweiten UNESCO-Geopark-Netzwerk gehört.

Die schönsten Funde stehen nicht vor Ort, sondern im Archäologischen Museum von Sitia (und in Heraklion). Ein Abstecher lohnt sich – viele Exponate dort erzählen nebenbei von Olivenöl, Wein und dem bäuerlichen Leben, das diese Region seit jeher trägt. Ganz in der Nähe lockt außerdem das malerische mittelalterliche Dorf Voila.

Was bleibt, wächst weiter

Um 145 v. Chr. wurde Praisos von der mächtigen Nachbarstadt Ierapytna zerstört und nie wieder aufgebaut. Was blieb, sind Ruinen auf einsamen Hügeln – und ringsherum das, was auf Kreta seit Jahrtausenden wächst: knorrige Olivenbäume, viele von ihnen selbst ehrwürdige Zeitzeugen.

Und genau hier schließt sich für mich der Kreis. Städte kommen und gehen, Sprachen verstummen, Götter wechseln ihre Namen. Der Olivenbaum aber bleibt – geduldig, zäh, über Jahrhunderte hinweg fruchtbar. Wenn Du bei mir einen Olivenbaum auf Kreta übernimmst, wirst Du Teil genau dieser langen Linie: von den „wahren Kretern“ bis heute.


Werde Pate Deines eigenen Olivenbaums auf Kreta → dein-olivenbaum.de

Zurück zum Blog